Warum Schlafapnoe gefährlicher ist als Prostatakrebs?

30. September 2019
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Die Diagnose Krebs ist für Betroffene und deren Angehörige meist ein Schock. In dem Bewusstsein, dass Krebs noch immer nicht heilbar ist, und in Deutschland nach den Herz- und Kreislauferkrankungen als zweithäufigste Todesursache gilt, bedeutet die Krebsdiagnose häufig einen tiefen Einschnitt im Leben.

Bei Männern ist der Prostatakrebs die mit Abstand häufigste Krebsart. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden in 2016 etwa 76.000 Männer wegen Prostatakrebs in deutschen Kliniken behandelt. Am bösartigen Prostatakarzinom verstarben im gleichen Jahr etwa 14.400 Männer, was einem Anteil von etwa 6,2% aller Krebs-Todesfälle entspricht. Zwar versterben am Tumor der Prostata über viermal mehr Menschen, als durch Verkehrsunfälle auf deutschen Straßen, dennoch liegt die 5-Jahres-Überlebensrate für Patienten mit Prostatakrebs mittlerweile bei beeindruckenden über 93%. Das Prostatakarzinom rangiert mit einem Anteil von etwa 3% „nur“ auf Platz 7 der häufigsten Todesursachen bei Männern. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass Prostatakrebs meist nur sehr langsam wächst, häufig in einem sehr frühen Stadium diagnostiziert wird und mittlerweile die verfügbaren zielgerichteten Therapien (Operation, Strahlentherapie, Antihormontherapie) hochwirksam sind. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Prostatakrebs im Vergleich zu anderen Tumorarten vergleichsweise „ungefährlich“ ist.

Diametral entgegengesetzt ist hingegen die subjektive Wahrnehmung der Diagnose Prostatakrebs: In fast allen Fällen klingt die Diagnose für die Betroffenen wie ein Todesurteil. Vermutlich liegt dies daran, dass hier nicht hinsichtlich der Gefährlichkeit der unterschiedlichen Tumorarten differenziert wird. Gleichzeitig dürfte veraltetes Wissen über die Effektivität der aktuellen Krebsbehandlungen einen Hauptgrund für diese Fehleinschätzung liefern. Nach wie vor scheinen sich, trotz völlig anderer Realität, hier viele Vorurteile beständig zu halten.

Ganz anders sieht das Bild bei der Volkskrankheit obstruktive Schlafapnoe (OSA) aus. Obwohl in Deutschland zwischen 4 bis 5 Millionen Menschen unter dieser Krankheit leiden, wird die Diagnose bei den Betroffenen meist sogar mit großer Erleichterung wahrgenommen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig: Zum einen verursacht Schlafapnoe selbst keinerlei Schmerzen, zum anderen entziehen sich die Hauptsymptome der OSA, nämlich die nächtlichen Aufweckreaktionen (Arousals) des Körpers, der bewussten Wahrnehmung der Betroffenen. Vereinfacht könnte man also sagen, dass die Erkrankten von ihren schlafbezogenen Atmungsstörungen nichts mitbekommen. Darüber hinaus verbinden Apnoiker mit der OSA keine Gefährlichkeit, da man nicht (direkt) an der Schlafapnoe versterben kann. Die gefühlte Wahrnehmung der Gefährlichkeit rangiert eher bei den Krankheiten, die schlimmstenfalls als lästig empfunden werden. Hierbei gilt insbesondere das sehr laute und unregelmäßige Schnarchen als belastend für den Bettnachbarn. Auch diese Folgen des Syndroms sind für den Verursacher selbst nicht wahrnehmbar. Es kann daher kaum verwundern, dass die obstruktive Schlafapnoe als ungefährliche Erkrankung betrachtet wird. Hinzu kommt auch die Tatsache, dass OSA häufig erst zu einem sehr späten Zeitpunkt festgestellt wird. Die Erkrankung kann somit gefühlt „nicht so schlimm“ sein, da man ja bereits schon sehr viele Jahre damit gelebt hat, ohne sie bewusst realisiert zu haben. Wartet man dann auch noch monatelang auf einen Schlaflaboruntersuchungstermin, manifestiert sich die Einschätzung einer harmlosen Krankheit.

Wie sieht es aber wirklich mit der Gefährlichkeit der Schlafapnoe aus? Was sagen die Zahlen?

Etwa 25 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Bluthochdruck. Das ist eine unvorstellbar hohe Zahl. Damit leidet fast jeder dritte Bundesbürger unter dem Hauptrisikofaktor für Herz- und Kreislauferkrankungen, der Haupttodesursache in Deutschland. In 2017 verstarben über 102.371 Menschen alleine an den Folgen von Herzinfarkt (46.966 Todesfälle) und Schlaganfall (55.405 Todesfälle). Diese Todesursachenstatistik wird präzise durch das Statistische Bundesamt geführt. Nicht statistisch erfasst wird hingegen die tatsächliche Ursache eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls. Bekanntermaßen ist der Bluthochdruck (Arterielle Hypertonie) der Hauptrisikofaktor für die genannten kardiovaskulären Ereignisse. Die Gründe für Bluthochdruck sind vielschichtig: Hier werden stets Faktoren unseres modernen Lebensstils (Bewegungsmangel, Übergewicht, Alkohol- und Tabakkonsum, übermäßiger Kochsalzkonsum und Stress) angeführt.

Weniger bekannt ist hingegen, dass die obstruktive Schlafapnoe eine stark begünstigende Rolle bei der Entstehung eines Bluthochdrucks einnimmt. Statistische Erhebungen zeigen, dass etwa 30% der Hypertoniker auch unter Schlafapnoe leiden. Bei den Patienten mit schwer einstellbarem Bluthochdruck (wenn mehrere blutdrucksenkende Medikamente verwendet werden) liegt der prozentuale Anteil der Schlafapnoepatienten sogar bei 60 bis 80%. Der Zusammenhang wird erklärbar, wenn man sich vor Augen führt, dass sich aus der Schlafapnoe auch eine chronische Erhöhung des Blutdrucks entwickeln kann. Ein gesunder Blutdruck schwankt zwischen höheren Werten am Tag und niedrigeren Werten in der Nacht. Die nächtlichen Atemstillstände mit den lebensnotwendigen Weckreaktionen (Arousals) bewirken einen Anstieg des Blutdrucks. Die Ursache hierfür liegt in der Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol, welche die Arousals auslösen. Bei nicht behandelter Schlafapnoe bleibt der Blutdruck zunächst nur in der Nacht, später auch am Tage, dauerhaft erhöht. Charakteristisch ist, dass diese Art der Blutdruckerhöhung sehr schlecht auf blutdrucksenkende Medikamente anspricht.

Darüber hinaus belegen zahlreiche klinische Studien, dass die schlafbezogenen Atemstörungen der Schlafapnoe einen unabhängigen Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen darstellen. Dies belegt unter anderem eine im Jahr 2000 von der medizinischen Fakultät der Yale Universität vorgestellte amerikanische Studie. Noch deutlicher wird eine in 2003 veröffentlichte klinische Studie des Alfred Hospital in Zusammenarbeit mit der Monash University im australischen Melbourne. In dieser heißt es übersetzt: „Ein schweres Schlafapnoesyndrom erhöht signifikant das Risiko eines tödlichen kardialen Ereignisses…“

Einen weiteren eindeutigen Beleg für die Gefährlichkeit der obstruktiven Schlafapnoe liefern die Daten aus dem Reha-Sleep-Register der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitation und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die im Jahr 2013 präsentiert wurden. Die Mediziner hatten hier die Daten von knapp 1.200 Kardio-Reha-Patienten ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass circa zwei Drittel der in deutschen Rehabilitationseinrichtungen untersuchten Herzpatienten unter einer Schlafapnoe litten. Etwa 35% zeigten eine leichte Form der nächtlichen Atemaussetzer und etwa ein Drittel ein mittel- bis schwergradiges Schlafapnoesyndrom. Damit ist belegt, dass Herzpatienten deutlich häufiger von Schlafapnoe betroffen sind als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Wie lässt sich die Gefährlichkeit der obstruktiven Schlafapnoe quantifizieren?

Eine exakte Zahl von Apnoepatienten, die an den Folgeerkrankungen der Schlafapnoe versterben, lässt sich nicht ermitteln. Schließlich sterben die Betroffenen nicht an der Schlafapnoe selbst, sondern an deren Folgeerkrankungen, insbesondere durch Herzinfarkt und Schlaganfall. Die einem kardiovaskulären Ereignis tatsächlich zugrundeliegenden Ursachen werden in der Praxis nicht ermittelt. Die Todesursachenstatistik der Bundesrepublik basiert auf den ärztlichen Totenscheinen. Diese erfassen lediglich das Ereignis, welches letztlich zum Tod geführt hat, nicht jedoch eine mögliche Grunderkrankung, die dem Ereignis vorausgegangen ist. Es ist dennoch möglich eine konservative Schätzung hinsichtlich der Sterblichkeit, welche ursächlich durch die Schlafapnoe verursacht wird, zu treffen. Auf Basis der genannten klinischen Studien kann angenommen werden, dass mindestens ein Drittel aller durch kardiovaskuläre Ereignisse verursachten Todesfälle ihre Grundursache in der obstruktiven Schlafapnoe haben. Dies vorausgesetzt bedeutet, dass im Jahr 2017 in Deutschland letztlich mehr als 34.000 Menschen indirekt an den Folgen der Schlafapnoe verstorben sind. Diese Zahl berücksichtigt dabei lediglich die Todesfälle durch Herzinfarkt und Schlaganfall, nicht jedoch Verstorbene in Folge einer Herzinsuffizienz. Die auch als Herzschwäche bezeichnete Krankheit ist ebenfalls eine häufige Folge der Schlafapnoe. Die Berechnung zeigt somit, dass an den nächtlichen Atemaussetzern mehr also doppelt so viele Erkrankte versterben, als am vermeintlich viel gefährlicheren Prostatakrebs.

Ohne weiteres kann gesagt werden, dass sich die tatsächliche Gefährlichkeit der Schlafapnoe meist aus deren Unterschätzung ergibt. Diese Fehleinschätzung hat zur Konsequenz, dass viele Betroffene ihre Krankheit gar nicht, oder nur sehr inkonsequent therapieren. Schließlich wird die überwiegend eingesetzte Standardtherapie der Überdruckbeatmung (CPAP) von sehr vielen Apnoikern als unangenehm empfunden und gleichzeitig auch als erhebliche Einschränkung der Lebensqualität. Schätzungsweise ein Drittel der Schlafapnoiker therapiert gar nicht und ein weiteres Drittel nur sehr unstetig. Mit großer Sicherheit könnten alleine in Deutschland Zehntausende vorzeitige Todesfälle vermieden werden, wenn das Schlafapnoesyndrom stringenter behandelt werden würde. Insbesondere wenn man auch die Tatsache berücksichtigt, dass die obstruktive Schlafapnoe seit mehr als 20 Jahren durch eine ursachenbezogene Therapie (Kiefervorverlagerung mit Rotation) nachhaltig und dauerhaft heilbar ist.

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