Akromegalie und obstruktive Schlafapnoe: Zusammenhang, Symptome und Diagnostik

Akromegalie & obstruktive-Schlafapnoe

Akromegalie ist eine seltene Hormonerkrankung, bei der der Körper über viele Jahre hinweg übermäßig große Mengen an Wachstumshormon produziert. Die Erkrankung führt nicht nur zu charakteristischen Veränderungen der Hände, Füße und Gesichtszüge, sondern kann auch zahlreiche weitere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Weniger bekannt ist, dass Menschen mit Akromegalie ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer obstruktiven Schlafapnoe haben. Aktuelle Studien zeigen, dass nächtliche Atemstörungen zu den häufigsten Begleiterkrankungen dieser seltenen Hormonstörung zählen[1]. Da sich die Beschwerden beider Krankheiten teilweise ähneln, bleibt eine Schlafapnoe bei Akromegalie-Erkrankten oft über lange Zeit unerkannt. Dies ist besonders problematisch, da unbehandelte nächtliche Atemaussetzer das Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen, insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erhöhen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Umso wichtiger ist es, den engen Zusammenhang zwischen Akromegalie und obstruktiver Schlafapnoe zu kennen. Dieser Beitrag erläutert die zugrunde liegenden Ursachen und zeigt auf, worauf Betroffene und behandelnde Ärzte besonders achten sollten.

Was ist Akromegalie?

Bei Akromegalie kommt es zu einer Überproduktion des Wachstumshormons Somatotropin. In den meisten Fällen liegt ihr ein gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zugrunde, der unkontrolliert Wachstumshormon ausschüttet. Die Krankheit entwickelt sich meist schleichend und bleibt daher häufig lange unbemerkt. Typische Anzeichen sind vergrößerte Hände und Füße, gröbere Gesichtszüge sowie eine zunehmende Vergrößerung von Nase, Lippen oder Unterkiefer. Darüber hinaus können unter anderem Gelenkbeschwerden, Kopfschmerzen, vermehrtes Schwitzen und Müdigkeit auftreten. Da sich die körperlichen Veränderungen nur äußerst langsam über viele Jahre hinweg entwickeln, vergehen von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung durchschnittlich etwa acht bis neun Jahre[2]. Dadurch wird Akromegalie trotz ihrer potenziell schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen in den meisten Fällen erst spät erkannt. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 3.000 bis 6.000 Menschen von dieser sehr seltenen Erkrankung betroffen[3].

Warum erhöht Akromegalie das Risiko für eine obstruktive Schlafapnoe?

Die enge Verbindung zwischen Akromegalie und obstruktiver Schlafapnoe beruht vor allem auf den Veränderungen der Weichteile, die durch den chronischen Überschuss an Somatotropin verursacht werden. Dabei vergrößern sich nicht nur Hände, Füße und Gesichtszüge, sondern vielfach auch die Zunge sowie die Weichteile und Schleimhäute im Bereich der oberen Atemwege. Dadurch kommt es zu einer anatomischen Verengung des Rachenraums, sodass die oberen Atemwege während des Schlafs leichter kollabieren können. Die Folge sind wiederholte Apnoen (Atemaussetzer) und Hypopnoen (Atemflusslimitationen), die für eine obstruktive Schlafapnoe charakteristisch sind. Da sich diese Veränderungen schleichend über viele Jahre entwickeln, werden sie von den Betroffenen überwiegend nicht als krankhaft wahrgenommen oder als normale altersbedingte Veränderungen fehlinterpretiert. Klinisch unbemerkt bleibt die Störung typischerweise so lange, bis Schnarchen, Tagesschläfrigkeit oder von anderen beobachtete Atempausen Anlass zur Abklärung geben.

Obstruktive Schlafapnoe als Begleiterkrankung der Akromegalie

Die obstruktive Schlafapnoe zählt zu den typischen Komorbiditäten bei Akromegalie. Studien zeigen, dass etwa 70 bis 80 Prozent aller Akromegalie-Patienten gleichzeitig unter schlafbezogenen Atemstörungen leiden[4]. Diese hohe Prävalenz unterstreicht die große klinische Bedeutung der Erkrankung. Bleibt eine Schlafapnoe unbehandelt, können die wiederholten nächtlichen Sauerstoffabfälle und Arousals (Weckreaktionen) den Organismus erheblich belasten. Insbesondere steigt das Risiko für Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen sowie weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen[5]. Da Menschen mit Akromegalie bereits unabhängig von einer Schlafapnoe ein vergrößertes kardiovaskuläres Risiko aufweisen können, kommt der frühzeitigen Erkennung und Behandlung nächtlicher Atemstörungen eine besondere Bedeutung zu[6].

Welche Symptome können auf eine Schlafapnoe hinweisen?

 Eine obstruktive Schlafapnoe äußert sich oftmals durch Beschwerden, die zunächst unspezifisch erscheinen und daher nicht unmittelbar mit einer schlafbezogenen Atemstörung in Verbindung gebracht werden. Viele Betroffene berichten über einen nicht erholsamen Schlaf und fühlen sich trotz ausreichender Schlafdauer am Morgen nicht ausgeruht. Ebenfalls typisch sind morgendliche Mundtrockenheit sowie eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit, die sich in Form von Erschöpfung, verminderter Leistungsfähigkeit oder einer erhöhten Einschlafneigung im Alltag äußern kann. Darüber hinaus treten Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auf, welche die berufliche und private Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Die Diagnose wird jedoch dadurch erschwert, dass einige dieser Beschwerden, insbesondere Tagesschläfrigkeit, Erschöpfung und Leistungsminderung, auch bei Akromegalie selbst auftreten können. Aus diesem Grund sollte bei Akromegalie-Patienten bei entsprechenden Symptomen an das mögliche Vorliegen einer Schlafapnoe gedacht und eine schlafmedizinische Abklärung veranlasst werden.

Warum bleibt eine Schlafapnoe bei Akromegalie in vielen Fällen unerkannt?

Trotz der hohen Prävalenz wird eine obstruktive Schlafapnoe bei Akromegalie-Patienten vielfach nicht oder erst sehr spät diagnostiziert. Ein wesentlicher Grund liegt in der Überlappung der Symptome beider Erkrankungen. Beschwerden wie Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Konzentrationsstörungen oder depressive Verstimmungen werden nicht selten primär der Akromegalie zugeschrieben und nicht als mögliche Hinweise auf eine zusätzliche schlafbezogene Atemstörung erkannt. Hinzu kommt, dass klassische Leitsymptome der Schlafapnoe, wie lautes und unregelmäßiges Schnarchen oder beobachtete Atemaussetzer, nicht bei allen Betroffenen im Vordergrund stehen oder vom sozialen Umfeld unbemerkt bleiben. Auch gängige Screening-Instrumente, beispielsweise standardisierte Fragebögen zur Tagesschläfrigkeit, stoßen in dieser Patientengruppe an ihre Grenzen, da sie die spezifische Symptomkonstellation bei Akromegalie nur unzureichend erfassen[7]. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass die Ausprägung der Schlafapnoe nicht immer direkt mit dem Schweregrad der Akromegalie korreliert und selbst bei gut kontrollierten Hormonspiegeln fortbestehen kann[8]. Daher empfehlen viele Experten, bei Akromegalie grundsätzlich eine gezielte schlafmedizinische Untersuchung durchzuführen, selbst wenn die Beschwerden zunächst nicht eindeutig auf eine obstruktive Schlafapnoe hindeuten.

Frühzeitige Erkennung der Schlafapnoe bei Akromegalie

Empfehlungen aktueller Leitlinien sehen bei Akromegalie-Patienten grundsätzlich ein routinemäßiges Screening auf Schlafapnoe mittels apparativer Verfahren vor[9]. Der frühzeitigen Diagnostik kommt eine entscheidende Bedeutung zu, da nächtliche Atemstörungen überwiegend klinisch unauffällig verlaufen und dennoch relevante gesundheitliche Risiken mit sich bringen können. Als niederschwelliger und praxisnaher erster Untersuchungsschritt gilt die ambulante Polygraphie, die zu Hause im eigenen Bett durchgeführt wird und wichtige Parameter wie Atemfluss, Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz während des Schlafs erfasst. Diese Untersuchung ist für die Betroffenen wenig belastend und ermöglicht bereits eine verlässliche Einschätzung, ob eine obstruktive Schlafapnoe vorliegt. Bei auffälligen Befunden erfolgt anschließend eine weiterführende Untersuchung im Schlaflabor (Polysomnographie), um die Diagnose zu sichern und den Schweregrad der Erkrankung genauer zu bestimmen. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass schlafbezogene Atemstörungen verlässlich erkannt und frühzeitig therapiert werden.

Akromegalie und Schlafapnoe: Die wichtigsten Erkenntnisse

Akromegalie und obstruktive Schlafapnoe sind eng miteinander verknüpft und treten deutlich häufiger gemeinsam auf, als vielen Betroffenen bewusst ist. Angesichts der hohen Prävalenz sowie der oft unspezifischen oder überlappenden Symptomatik sollte bei Akromegalie grundsätzlich auch an eine schlafbezogene Atemstörung gedacht werden, selbst bei fehlenden typischen Beschwerden. Eine frühzeitige schlafmedizinische Diagnostik mittels Polygraphie ermöglicht es, die Erkrankung rechtzeitig zu erkennen und eine ursachenbezogene Therapie einzuleiten. Dadurch lässt sich nicht nur das Risiko schwerwiegender Folgeerkrankungen reduzieren, sondern meist auch die Schlafqualität sowie das Tagesbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig verbessern.

 

Anmerkungen:

[1] Expert Review of Endocrinology & Metabolism, Volume 7, Ausgabe 1, Jan. 2012, S. 55-62: Maria Vittoria Davì, Andrea Giustina: „Sleep apnea in acromegaly: a review on prevalence, pathogenetic aspects and treatment“

[2] Endocrine-Related Cancer, Volume 24, Ausgabe 10, Okt. 2017, S. 505-518: Patrick Petrossians, Adrian F. Daly, Emil Natchev, Luigi Maione, Karin Blijdorp, Mona Sahnoun-Fathallah, Renata Auriemma, Alpha M. Diallo, Anna-Lena Hulting, Diego Ferone, Vaclav Hana Jr., Silvia Filipponi, Caroline Sievers, Claudia Nogueira, Carmen Fajardo-Montañana, Davide Carvalho, Vaclav Hana, Günter K. Stalla, Marie-Lise Jaffrain-Réa, Brigitte Delemer, Annamaria Colao, Thierry Brue, Sebastian J. C. M. M. Neggers, Sabina Zacharieva, Philippe Chanson, Albert Beckers: „Acromegaly at diagnosis in 3173 patients from the Liège Acromegaly Survey (LAS) Database“

[3] Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie: https://www.endokrinologie.net/pressemitteilungen-archiv/130228.php

[4] Pakistan Journal of Medical Sciences, Volume 37, Ausgabe 4, Juli 2021, S. 1161-1165: Deniz Celik, Sezgi Sahin Duyar, Funda Aksu, Selma Firat, Bulent Ciftci: „Evaluation of Acromegaly patients with sleep disturbance related symptoms“

[5] Springer Nature/Cardio News: https://app.cardionews.de/Schwerpunkt/Schlafapnoe-als-kardiovaskulaerer-Risikofaktor-443903.html

[6] Endocrine Reviews, Volume 25, Ausgabe 1, Feb. 2004, S. 102-152: Annamaria Colao, Diego Ferone, Paolo Marzullo, Gaetano Lombardi: „Systemic complications of acromegaly: epidemiology, pathogenesis, and management“

[7] Endocrine Abstracts, Volume 81, S. 682: Rosa Pirchio, Raffaele Addato, Maria Elena Montini, Corina Valentina De Santis Ciacci, Alice Vergura, Renata Simona Auriemma, Rosario Pivonello, Annamaria Colao: „Berlin questionnaire and epworth sleepiness scale as screening tools of sleep apnea risk in patients with acromegaly: comparison of 144 patients and an age-and gender-matched health cohort“

[8] Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Volume 105, Ausgabe 3, Mrz. 2020, S. e23-e31: Matteo Parolin, Francesca Dassie, Luigi Alessio, Alexandra Wennberg, Marco Rossato, Roberto Vettor, Pietro Maffei, Claudio Pagano: „Obstructive Sleep Apnea in Acromegaly and the Effect of Treatment: A Systematic Review and Meta-Analysis“

[9] Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Volume 99, Ausgabe 11, Nov. 2014, S. 3933-3951: Laurence Katznelson, Edward R. Laws Jr., Shlomo Melmed, Mark E. Molitch, Mohammad Hassan Murad, Andrea Utz, John A. H. Wass: „Acromegaly: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline“