Akustisches Rauschen hat in den letzten Jahren deutlich an Popularität gewonnen und wird in sozialen Medien, Schlaf-Apps sowie digitalen Gesundheitsangeboten zunehmend als einfache Unterstützung bei Ein- und Durchschlafproblemen beworben. Geräusche wie White Noise, Pink Noise oder naturähnliche Klänge, etwa Regenrauschen, sollen den Schlaf ohne den Einsatz von Medikamenten stabilisieren und verbessern. Ob akustisches Rauschen die Schlafqualität tatsächlich beeinflusst oder vor allem als subjektiv angenehmer Hintergrundreiz wirkt, bleibt dabei oft unbeantwortet. Dieser Beitrag widmet sich daher der Frage, ob und unter welchen Bedingungen akustisches Rauschen den Schlaf messbar unterstützen kann. Zu diesem Zweck werden aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse eingeordnet und mögliche Wirkmechanismen erläutert. Ziel ist es, den verbreiteten Einsatz akustischer Rauschsignale evidenzbasiert zu bewerten und realistische Erwartungen an deren Nutzen zu formulieren.
Was ist akustisches Rauschen und welche Formen gibt es?
Akustisches Rauschen bezeichnet ein kontinuierliches Geräuschsignal, das aus einer Vielzahl zufälliger Schallanteile besteht und keine erkennbare Melodie oder Rhythmik aufweist. In der Schlafforschung wird es als Hintergrundsignal eingeordnet, das Umgebungsgeräusche überdecken und die Wahrnehmung akustischer Störreize reduzieren kann. Je nach Verteilung der Frequenzanteile werden unterschiedliche Rauscharten unterschieden, die sich auch im subjektiven Klangeindruck deutlich voneinander abgrenzen lassen.
Weißes Rauschen enthält alle hörbaren Frequenzen in gleicher Intensität und wird häufig mit dem gleichförmigen Rauschen eines Radios ohne Empfang verglichen. Rosa Rauschen weist eine stärkere Gewichtung tiefer Frequenzen auf und klingt für viele Menschen angenehmer und weicher, etwa wie gleichmäßiger Regen oder Meeresrauschen. Braunes Rauschen betont tiefe Frequenzen nochmals stärker und erinnert klanglich an ein tiefes, kontinuierliches Donnern oder an das Rauschen eines kräftigen Wasserfalls. Diese Unterschiede sind zentral, da sie die subjektive Wahrnehmung und mögliche schlafbezogene Effekte maßgeblich beeinflussen können.
Wie wirkt akustisches Rauschen auf den Schlaf?
Zur Erklärung einer möglichen schlaffördernden Wirkung akustischen Rauschens werden in der Literatur mehrere theoretische Ansätze diskutiert. Weitgehend gesichert gilt die Annahme, dass permanentes Hintergrundrauschen einzelne störende Geräuschspitzen (zum Beispiel lautes Schnarchen) überdeckt und dadurch nächtliche Mikroreaktionen des Gehirns signifikant verringert[1]. Ein weiteres Erklärungsmodell sieht akustisches Rauschen als Bestandteil eines erlernten Einschlafrituals: Bei regelmäßigem Gebrauch vor dem Zubettgehen wirkt es als konditioniertes Signal, das den Übergang vom Wachzustand in den Schlaf erleichtert. Darüber hinaus wird vereinzelt eine direkte beruhigende Wirkung bestimmter Frequenzmuster auf neuronale Prozesse postuliert, wonach gleichbleibende akustische Reize eine Stabilisierung der Schlafarchitektur begünstigen könnten. Bei diesem Mechanismus handelt es sich jedoch bislang lediglich um eine Hypothese, da belastbare wissenschaftliche Belege fehlen.
Studienlage zum akustischen Rauschen
Die wissenschaftliche Studienlage zur Wirkung akustischen Rauschens auf den Schlaf ist insgesamt uneinheitlich und erlaubt bisher keine eindeutige Empfehlung. Eine häufig zitierte systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021, veröffentlicht im Fachjournal „Sleep Medicine Reviews“, wertete 38 Studien zu kontinuierlichem weißen oder vergleichbarem breitbandigem Rauschen im Zusammenhang mit verschiedenen Schlafparametern aus[2]. Einzelne Untersuchungen berichteten über positive Effekte, darunter eine verkürzte Einschlafzeit oder eine subjektiv verbesserte Schlafqualität, insbesondere in Umgebungen mit störendem Umgebungslärm. Gleichzeitig fanden andere Studien jedoch keine schlaffördernde Wirkung oder beschrieben sogar negative Effekte wie eine erhöhte Schlaffragmentierung. Die Autoren führen diese widersprüchlichen Ergebnisse vor allem auf erhebliche methodische Unterschiede zurück, etwa hinsichtlich der Art und Lautstärke des verwendeten Rauschens, der Nutzungsdauer, der eingesetzten Schlafmessmethoden sowie der jeweiligen Kontrollbedingungen. Aufgrund dieser Heterogenität wurde die Evidenzqualität nach den GRADE-Kriterien (Grading of Recommendations, Assessment, Development and Evaluation) als sehr niedrig eingestuft[2]. Der aktuelle Forschungsstand spricht daher gegen eine pauschale Empfehlung für akustisches Rauschen zur Schlafverbesserung und unterstreicht den Bedarf an weiteren methodisch hochwertigen Studien.
Risiken akustischer Stimulation während des Schlafs
Neben der potenziellen Nutzenbewertung rücken auch mögliche Risiken einer nächtlichen Dauerbeschallung in den Fokus. Das Hören ist kein passiver Vorgang, sondern ein aktiver neurophysiologischer Prozess, bei dem kontinuierlich neuronale Netzwerke arbeiten und Stoffwechselaktivität im auditorischen System angeregt wird[3]. Der Schlaf hingegen dient der Erholung von Gehirn und Sinnesorganen, indem die neuronale Aktivität abnimmt und physiologische Regenerationsprozesse einsetzen. Eine dauerhaft präsente Geräuschquelle kann diesen Erholungsmechanismus potenziell stören, da das Gehirn akustische Reize weiterhin verarbeiten muss, selbst dann, wenn sie subjektiv als gleichförmig oder kaum störend wahrgenommen werden. Deshalb wird in der Schlafforschung kritisch diskutiert, ob eine fortwährende akustische Stimulation über Nacht mit den physiologischen Erfordernissen eines erholsamen Schlafs vereinbar ist.
Handlungsempfehlungen zum Hintergrundrauschen
Aus schlafmedizinischer Perspektive wird akustisches Rauschen allenfalls als kurzfristige Einschlafhilfe empfohlen, insbesondere dann, wenn sich externe Störgeräusche wie Verkehrslärm oder das Schnarchen eines Bettpartners nicht vermeiden lassen[4]. In solchen Fällen kann ein gleichförmiges Hintergrundgeräusch dazu beitragen, plötzliche akustische Reize zu überdecken und den Einschlafprozess zu erleichtern. Entscheidend ist dabei eine zeitlich begrenzte Verwendung, idealerweise mithilfe eines Sleeptimers von etwa 15 bis 30 Minuten, sodass das Rauschen nach dem Einschlafen automatisch endet. In einer grundsätzlich ruhigen Schlafumgebung besteht hingegen keine schlafmedizinische Indikation für den Einsatz von Hintergrundrauschen. Eine Nutzung über die gesamte Nacht wird nicht empfohlen, da das Gehirn akustische Reize auch im Schlaf kontinuierlich verarbeitet und dadurch physiologische Erholungsprozesse beeinträchtigt werden können[5]. Akustisches Rauschen sollte daher nicht als dauerhafte Schlafhilfe verstanden werden, sondern lediglich als situatives Hilfsmittel bei vorübergehenden akustischen Belastungen.
Ganzheitlicher Ansatz zur Verbesserung der Schlafqualität
Akustisches Rauschen kann unter bestimmten Bedingungen eine subjektiv hilfreiche Unterstützung beim Einschlafen darstellen. Seine schlafverbessernde Wirkung ist jedoch wissenschaftlich bislang nicht eindeutig belegt. Besonders in lärmbelasteten Umgebungen kann es situativ dazu beitragen, störende Geräuschspitzen zu überdecken und den Einschlafprozess zu erleichtern. Gleichzeitig sprechen sowohl die uneinheitliche Studienlage als auch neurophysiologische Überlegungen gegen einen dauerhaften Gebrauch über die gesamte Nacht. Akustisches Rauschen sollte daher nicht als allgemeine oder langfristige Lösung für Schlafprobleme verstanden werden, sondern ausschließlich als zeitlich begrenztes Hilfsmittel in spezifischen Ausnahmesituationen. Für einen nachhaltig erholsamen und qualitativ hochwertigen Schlaf ist vielmehr ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der über einzelne technische Hilfsmittel hinausgeht. Dazu gehören unter anderem regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten, eine geeignete Schlafumgebung sowie gesundheitsfördernde Verhaltensweisen vor dem Zubettgehen. Ein langfristiger Nutzen ist daher vor allem durch die konsequente Umsetzung schlafhygienischer Maßnahmen (vgl. Blogbeitrag vom 19.03.2019) zu erwarten.
Anmerkungen:
[1] Sleep Medicine, Volume 6, Ausgabe 5, Sept. 2005, S. 423-428: Michael L. Stanchina, Muhanned Abu-Hijleh, Bilal K. Chaudhry, Carol C. Carlisle, Richard P. Millman: „The influence of white noise on sleep in subjects exposed to ICU noise“
[2] Sleep Medicine Reviews, Volume 55, Feb. 2021, 101385: Samantha M. Riedy, Michael G. Smith, Sarah Rocha, Mathias Basner: „Noise as a sleep aid: A systematic review“
[3] Hearing Research, Volume 399, Jan. 2021, 107998: Karl J. Friston, Noor Sajid, David Ricardo Quiroga-Martinez, Thomas Parr, Cathy J. Price, Emma Holmes: „Active listening“
[4] AOK: https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/schlaf/weisses-rauschen-so-wirkt-sich-white-noise-auf-den-schlaf-aus/
[5] Harvard Health Publishing: https://www.health.harvard.edu/staying-healthy/can-white-noise-really-help-you-sleep-better/