Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zählt zu den häufigsten neuroentwicklungsbedingten Störungen im Kindes- und Jugendalter (3-17 Jahre) und betrifft, je nach verwendeten Diagnosekriterien, etwa 4-5% dieser Altersgruppe[1]. Charakteristische Symptome wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität stehen dabei im klinischen Vordergrund. Weniger beachtet wird hingegen, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS überdurchschnittlich häufig unter Schlafproblemen und chronischen Schlafstörungen leiden[2]. Zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten, die ADHS zugeschrieben werden, können durch nicht erholsamen oder gestörten Schlaf verstärkt oder sogar ausgelöst werden. Die Abgrenzung zwischen primärer ADHS-Symptomatik und schlafbedingten Verhaltensauffälligkeiten stellt daher eine erhebliche diagnostische Herausforderung dar. Ziel dieses Beitrags ist es, den Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und ADHS aus schlafmedizinischer Perspektive einzuordnen und dessen klinische Relevanz differenziert darzustellen.
ADHS-Symptomatik und differenzialdiagnostische Einordnung
ADHS wird als neurobiologische Entwicklungsstörung verstanden, deren drei Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität in unterschiedlicher Ausprägung auftreten. Im Kindesalter steht überwiegend eine ausgeprägte motorische Unruhe und Impulsivität im Vordergrund, während im Jugendalter vermehrt Aufmerksamkeitsprobleme, innere Unruhe sowie Organisations- und Antriebsschwierigkeiten beobachtet werden. Die Symptomatik ist dabei nicht statisch, sondern unterliegt altersabhängigen Veränderungen sowie individuellen Verlaufsformen. Für die klinische Beurteilung ist es entscheidend, ADHS als primäre Entwicklungsstörung von Verhaltensauffälligkeiten abzugrenzen, die durch externe Einflussfaktoren oder begleitende Störungen entstehen. Insbesondere Schlafmangel und chronische Schlafstörungen können Symptome hervorrufen oder verstärken, die ADHS ähneln, ohne dass eine primäre neurobiologische Störung vorliegt. Diese potenzielle symptomatische Überlagerung erfordert daher eine sorgfältige und differenzierte diagnostische Betrachtung.
Entwicklungsabhängige Schlafprobleme im Jugendalter
Schlafstörungen treten im Kindes- und Jugendalter regelmäßig auf und zeigen ein breites Spektrum unterschiedlicher Ausprägungen. Zu den typischen Störungsbildern zählen Ein- und Durchschlafstörungen, schlafbezogene Atmungsstörungen wie habituelles Schnarchen oder die obstruktive Schlafapnoe sowie zirkadiane Rhythmusstörungen. Letztere gewinnen insbesondere im Jugendalter zunehmend an Bedeutung. Mit Beginn der Pubertät kommt es zu einer biologisch bedingten Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus nach hinten, die in der Regel ab einem Alter von etwa 11 bis 13 Jahren einsetzt[3]. Ursächlich hierfür ist unter anderem eine verzögerte abendliche Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin, wodurch Jugendliche trotz bestehender Müdigkeit am Abend oft nicht zur Ruhe kommen und nur schwer einschlafen können[3]. Diese sogenannte verzögerte Schlafphase (Delayed Sleep Phase Disorder) führt dazu, dass Jugendliche erst deutlich später in den Schlaf finden, morgens jedoch weiterhin früh aufstehen müssen. Der frühe Schulbeginn steht damit in einem strukturellen Widerspruch zur inneren Uhr und begünstigt chronischen Schlafmangel sowie einen ausgeprägten sozialen Jetlag (vgl. Blogbeitrag vom 18.06.2022). Die altersabhängigen Veränderungen der Schlafarchitektur und der zirkadianen Regulation stellen somit die Hauptursache für Schlafprobleme im Jugendalter dar und sind für die klinische Bewertung von Tagesmüdigkeit, Konzentrationsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten von erheblicher Relevanz.
ADHS-ähnliche Symptome durch chronischen Schlafmangel
Zwischen Schlafstörungen und der ADHS-Symptomatik bestehen erhebliche klinische Überschneidungen, welche die diagnostische Abgrenzung beträchtlich erschweren. Chronisch nicht erholsamer Schlaf kann sich in Konzentrationsdefiziten, verminderter Aufmerksamkeitssteuerung, motorischer Unruhe sowie starker emotionaler Dysregulation äußern – Symptome, die zugleich zu den Kernmerkmalen einer ADHS gehören. Besonders Schlafmangel beeinträchtigt die exekutiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und Emotionsregulation und kann dadurch ein ADHS-ähnliches Bild hervorrufen oder bereits bestehende Beschwerden verstärken[4]. Ohne eine systematische schlafmedizinische Abklärung, beispielsweise im Rahmen einer Schlaflaboruntersuchung, droht eine Fehldiagnose, bei der schlafassoziierte Defizite fälschlich als primär neuroentwicklungsbedingt gewertet werden. Eine objektive Beurteilung der Schlafqualität ist folglich unerlässlich, um symptomatische Überlagerungen zu erkennen und therapeutische Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Wissenschaftliche Evidenz: Was sagen Studien?
Zahlreiche Publikationen belegen eine erhöhte Prävalenz von Schlafstörungen bei Kindern mit ADHS. Eine 2009 von Samuele Cortese et al. veröffentlichte Metaanalyse mit 722 Kindern mit ADHS und 638 Kontrollpersonen fand signifikant größere subjektive Schlafprobleme, darunter Einschlafstörungen, Bettwiderstand und nächtliche Wachphasen, sowie objektiv messbare Auffälligkeiten wie eine verlängerte Einschlaflatenz und eine reduzierte Schlafeffizienz[5]. Vergleichbare Übersichtsarbeiten berichten Prävalenzraten von bis zu 50–75% für Schlafstörungen innerhalb dieser Patientengruppe[6]. Interessanterweise weisen Untersuchungen zu verhaltenstherapeutischen Schlafinterventionen (etwa Elterncoachings zur Optimierung der Schlafhygiene) auf gleichzeitige Verbesserungen von Aufmerksamkeit und Verhalten hin[7]. Eine 2022 im „Journal of Attention Disorders“ publizierte Metaanalyse von elf Einzelstudien bestätigte signifikante Effekte sowohl auf schlafbezogene Parameter als auch auf die ADHS-Symptomatik[8]. Insgesamt weist die Studienlage eine starke Korrelation zwischen Schlafstörungen und ADHS nach, lässt jedoch eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung offen, da bidirektionale Einflüsse anzunehmen sind[5]. Die Grenzen der Evidenz liegen vor allem in der methodischen Heterogenität der Studien, dem seltenen Einsatz objektiver Messverfahren wie Schlaflaboruntersuchungen sowie in der unzureichenden Berücksichtigung komorbider Einflussfaktoren.
Warum die Schlafqualität bei der Therapie von ADHS entscheidend ist
Aus therapeutischer Sicht kommt der systematischen Mitbehandlung von Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS eine zentrale Bedeutung zu. Schlafmedizinische Interventionen können die Tagesfunktion spürbar verbessern und sich positiv auf Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Impulskontrolle auswirken. Insbesondere bei schlafassoziierten ADHS-ähnlichen Beschwerden besteht das Potenzial, Verhaltensauffälligkeiten zu reduzieren, ohne primär pharmakologisch eingreifen zu müssen.
Niedrigschwellige Maßnahmen wie eine konsequente Schlafhygiene (vgl. Blogbeitrag vom 19.03.2019), eine altersgerechte Tagesstruktur sowie die Begrenzung abendlicher Bildschirm- und Social-Media-Nutzung (vgl. Blogbeitrag vom 17.05.2024) stellen dabei wesentliche therapeutische Ansatzpunkte dar. Vor allem die exzessive Nutzung digitaler Medien in den Abendstunden kann durch Licht- und Aktivierungseffekte die Einschlafdauer verlängern und bestehende Schlafprobleme zusätzlich verschärfen[9]. Eine gezielte Beratung zur Mediennutzung ist daher ein integraler Bestandteil jeder schlafbezogenen Einflussnahme.
Darüber hinaus setzt eine adäquate Versorgung in der Regel eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendärzten, Schlafmedizinern sowie psychologischen oder psychotherapeutischen Fachkräften voraus. Nur durch ein solches koordiniertes Vorgehen lassen sich schlafbezogene Einflussfaktoren zuverlässig identifizieren und therapeutisch wirksam adressieren. Die systematische Berücksichtigung des Schlafs im diagnostischen und therapeutischen Gesamtkonzept kann somit nicht nur die Schlafqualität verbessern, sondern auch die klinische Einordnung und Behandlung der ADHS-Symptomatik nachhaltig optimieren.
Bedeutung der Schlafqualität zur Vermeidung von ADHS-Fehldiagnosen
Zwischen Schlafproblemen und der ADHS-Symptomatik im Kindes- und Jugendalter liegen enge klinische Wechselwirkungen vor. Entwicklungsbedingte Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, chronischer Schlafmangel und spezifische Schlafstörungen können ADHS-ähnliche Symptome hervorrufen oder bestehende Beschwerden deutlich verstärken. Schlafstörungen sind damit kein beiläufiger Begleitbefund, sondern ein zentraler Einflussfaktor auf Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und exekutive Funktionen. Die aktuelle Studienlage unterstreicht die Notwendigkeit, schlafbezogene Aspekte systematisch in Diagnostik und Therapie einzubeziehen. Vor einer vorschnellen ADHS-Diagnose sollte daher stets eine differenzierte schlafmedizinische Abklärung erfolgen. Nur durch eine solche ganzheitliche Betrachtung lässt sich das Risiko von Fehldiagnosen signifikant reduzieren und eine zielgerichtete, patientengerechte Behandlung sicherstellen[10].
Anmerkungen:
[1] Bundesgesundheitsblatt, Volume 50, Mai 2007, S. 827-835: R. Schlack, H. Hölling, B.-M. Kurth, M. Huss: „Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland“
[2] Clinical Psychology Review, Volume 50, Dez. 2016, S. 159-174: Jessica R. Lunsford-Avery, Andrew D. Krystal, Scott H. Kollins: „Sleep disturbances in adolescents with ADHD: A systematic review and framework for future research“
[3] PLoS One, Volume 9, Ausgabe 11, Nov. 2014, e112199: Stephanie J. Crowley, Eliza Van Reen, Monique K. LeBourgeois, Christine Acebo, Leila Tarokh, Ronald Seifer, David H. Barker, Mary A. Carskadon: „A Longitudinal Assessment of Sleep Timing, Circadian Phase, and Phase Angle of Entrainment across Human Adolescence“
[4] Sleep, Volume 34, Ausgabe 3, Mrz. 2011, S. 315-323: Reut Gruber, Sabrina Wiebe, Lisa Montecalvo, Bianca Brunetti, Rhonda Amsel, Julie Carrier: „Impact of sleep restriction on neurobehavioral functioning of children with attention deficit hyperactivity disorder“
[5] Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, Volume 48, Ausgabe 9, Sept. 2009, S. 894-908: Samuele Cortese, Stephen V. Faraone, Eric Konofal, Michel Lecendreux: „Sleep in children with attention-deficit/hyperactivity disorder: meta-analysis of subjective and objective studies“
[6] World Journal of Clinical Pediatrics, Volume 14, Ausgabe 4, Dez. 2025, 110612: Narpinder Malhi, Margaret Weiss, James Waxmonsky, Raman Baweja: „Sleep disturbances in children and adolescents with attention-deficit/hyperactivity disorder: A narrative review“
[7] Trends BMJ, 350, Jan. 2015, h68: Harriet Hiscock, Emma Sciberras, Fiona Mensah, Bibi Gerner, Daryl Efron, Sonia Khano, Frank Oberklaid: „Impact of a behavioural sleep intervention on symptoms and sleep in children with attention deficit hyperactivity disorder, and parental mental health: randomised controlled trial“
[8] Journal of Attention Disorders, Volume 26, Ausgabe 14, Dez. 2022, S. 1805-1821: Maya K. Malkani, Carmela F. Pestell, Andrew M. C. Sheridan, Alison J. Crichton, Georgia C. Horsburgh, Romola S. Bucks: „Behavioral Sleep Interventions for Children With ADHD: A Systematic Review and Meta-Analysis“
[9] Pädiatrie & Pädologie, Volume 59, Feb. 2024, S. 82-87: Frank W. Paulus: „Digitale Medien und Schlaf bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen“
[10] ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, Volume 11, Ausgabe 1, Mrz. 2019, S. 5-19: Denise Bijlenga, Madelon A. Vollebregt, J. J. Sandra Kooij, Martijn Arns: „The role of the circadian system in the etiology and pathophysiology of ADHD: time to redefine ADHD?“